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Punkt. Education Projekt
Bachelorarbeit von Jan Sagasser und Raphael Jung im Studiengang Produktdesign an der Hochschule für Technik Schwäbisch Gmünd, 2022

Wie kann die Konsumgüterelektronik auf die Herausforderungen des ökologischen Wandels reagieren?

Punkt. kooperiert mit den beiden Designstudenten Raphael Jung und Jan Sagasser von der Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd und unterstützt ihre Bachelorarbeit über nachhaltige Produktgestaltung mit Schwerpunkt auf Ästhetik der Nachhaltigkeit und wertorientierten Gestaltungsmethoden.

Die Branche der elektronischen Konsumgüter ist dafür bekannt, dass sie in Fragen der Nachhaltigkeit hinter anderen Branchen zurückbleibt. Dies liegt zum einen an ihrer hohen (geopolitischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen) Komplexität und zum anderen daran, dass viele in der Branche verwendete technische Komponenten (Bildschirme, Touchscreens, Batterien, Sensoren und Antennen) sehr ressourcenintensiv sind und von kritischen Rohstoffen abhängen, die knapp werden.

Aus einem starken Gefühl der Dringlichkeit und wachsender Sorge um die Zukunft ihrer Berufe fragten Raphael Jung und Jan Sagasser im März 2022 bei Punkt. an, ob wir sie bei der Erforschung dieses kritischen Themas für ihre Abschlussarbeit unterstützen würden. Punkt. verfolgt schon seit langem den Grundsatz der Zusammenarbeit mit Schulen und Hochschulen, und angesichts der Herausforderungen des ökologischen Wandels für unsere Branche bildete dieses Mal keine Ausnahme.

Bachelorarbeit von Jan Sagasser und Raphael Jung im Studiengang Produktdesign an der Hochschule für Technik Schwäbisch Gmünd, 2022

Der Ausgangspunkt der Forschungsarbeit der Studenten war der Versuch einer Antwort auf die Frage: Wie können heutige Designer dazu beitragen, Produktdesign und Produktentwicklung nachhaltiger zu gestalten? Schnell stellten sie fest, dass dieses Thema hochkomplex ist und beschlossen daher, sich auf ein spezifisches Thema zu konzentrieren: die Ressourcenknappheit. 
Im April fingen sie an, sich mit den zahlreichen Problemvariablen zu beschäftigten und konkrete, auch kleinste Lösungen zu suchen, die in der aktuellen Krise positive Auswirkungen haben könnten. Bei einer Präsentation im Juli in Lugano gestanden sie:

„Zuerst waren wir von der immensen Größe des Problems entmutigt, aber dann dachten wir, ein Schritt nach dem anderen ist wahrscheinlich klüger, als auf die Katastrophe zu warten.“

Raphael und Jan haben in vier Monaten eine beeindruckende Menge von Forschungsergebnissen erarbeitet, aus denen sie ihre Design Guidelines ableiteten [hyperlink pdf guidelines] und drei Prototypen entwickelten, die auf diesen Leitlinien aufbauen. Aus der Kombination von verantwortungsvoller Materialauswahl und Wiederverwertbarkeit, Reparierbarkeit und Langlebigkeit, Marktpositionierung und Kommunikation sowie Verbraucherverhalten entwarfen sie drei Geräteprototypen, die die Designanforderungen ihrer jeweiligen Kategorie erfüllen sollten.
Den Rahmen für ihre Design-Leitlinien bilden die folgenden drei Kategorien: 

  • Materialien und physikalische Eigenschaften
  • Kommunikation und Marktpositionierung
  • Verhalten und Bewusstseinsbildung

Die drei Produktvorschläge – eine Dockingstation, ein Festplattengehäuse und eine Zeitschaltuhr – geben uns einen guten Einblick, welche Antworten die Branche auf die Herausforderungen des ökologischen Wandels geben könnte, wenn Ressourcenknappheit von den Designern in ihren Entwürfen von Anfang an mit berücksichtigt würde.

DS01 Docking Station 

Punkt. DS01, Raphael Jung und Jan Sagasser, 2022

Fallstudie in der Kategorie: Materialien und physikalische Eigenschaften

Die DS01 Dockingstation ist der maßgeschneiderte tragbare Anschluss für den Büroarbeitsplatz, der den dramatischen Veränderungen in der Arbeitswelt seit der Pandemie Rechnung trägt. Die DS 01 ist so konzipiert, dass sie geschickt unter einer Tastatur Platz findet und leicht zu transportieren ist. Sie bietet eine Vielzahl von Anschlüssen für Geräte, mit denen es sich produktiver arbeiten lässt: USB-A, LAN und HDMI für SD-Karten, Bildschirme oder schnelleres Internet. Bei der Material- und Designwahl für die DS 01 wurden die Reparatur zuhause, das Nachrüsten von Teilen und die Recyclingfähigkeit am Ende des Lebenszyklus berücksichtigt. 

Wichtigste Merkmale:

  • Konzipiert für die aufgeräumte, geschickte Unterbringung unter der Tastatur
  • Aus recyclingfähigen Materialien, recyceltem Autoreifengummi und ABS
  • Einfach zu demontieren, einfacher Zugang für schnelle Reparatur
  • Materialoptimierung im Hinblick auf Auswahl und Menge sortenreiner Monomaterialien

 

HDC01 Hard Drive Case  (Festplattengehäuse)

Punkt. HDC01, Raphael Jung und Jan Sagasser​, 2022

Fallstudie in der Kategorie: Kommunikation und Marktpositionierung

Ziel dieses Entwurfs ist der Erhalt von ausgereifter Technik als Teil der Nachhaltigkeitsdebatte und als Gegenmittel zur Wegwerfkultur. Darüber hinaus soll durch leichte Zerlegbar- und Reparierbarkeit ein besseres Verständnis für die von uns genutzten Geräte geschaffen werden. Auch dürfen wir nicht vergessen, wem unsere Daten gehören und wo sie gespeichert werden. Heute geschieht dies fast immer in Clouds, die für Cyberangriffe anfällig sind. Schweigen sollten wir auch nicht über den CO2-Fußabdruck, den Datenübertragung und Serverkühlung dabei hinterlassen – eine unangenehme Wahrheit, die ein noch immer ziemlich gut gehütetes Geheimnis ist. 

Wichtigste Merkmale:

  • Einfach auseinanderzunehmen – nur eine Münzschraube für den Zugang zu allen Einzelteilen und zur Festplatte (keine Klebeverbindungen)
  • Recyceltes Gummi
  • Für ein langes Leben gebaut
  • Einfach zu reparieren, begrenzte Anzahl von Komponenten und Teilen 

 

TS01 Time Switch (Zeitschaltuhr)

Punkt. TS01, Raphael Jung und Jan Sagasser​, 2022

Fallstudie in der Kategorie: Verhalten und Bewusstseinsbildung 

Die TS01 zwingt uns zu einem anderen Ansatz im Umgang mit der Stromversorgung und unserem Energieverbrauch im Alltag. Die meisten Menschen haben zuhause ständig mehrere Geräte angeschlossen, die auch dann Energie ziehen, wenn sie ausgeschaltet sind. In der EU-Verordnung ist von einem Standby-Verbrauch von 360 Kilowattstunden (kWh) pro Jahr die Rede. Raphael und Jans Idee ist es, uns mit Hilfe der TS01 dafür bewusster zu machen: Die Energiezufuhr wird per Zeitschaltuhr gesteuert und damit die Frage gestellt, wie wir unsere Technik zuhause nutzen wollen (und wieviel wir bei der Stromrechnung sparen können), wenn wir Geräte bewusst ausschalten. Die meisten Smartphone-Akkus gehen übrigens kaputt, weil sie überladen werden!

Wichtigste Merkmale: 

  • Sichtbarer Drehknopf zum Ein-/Ausschalten
  • Intuitiv und einfach zu bedienen
  • Austauschbare Normteile
  • Halter für Kabelordnung
  • Rutschfeste Gummischale

Materialoptimierung durch nur zwei Schrauben, mit denen die Komponenten zwischen der Gummi- und Oberschale fixiert werden. 

Bachelorarbeit von Jan Sagasser und Raphael Jung im Studiengang Produktdesign an der Hochschule für Technik Schwäbisch Gmünd, 2022

 

Fazit

„Mit diesem Projekt wollten wir einen fokussierten Teil der hochkomplexen Nachhaltigkeitsprobleme verstehen und angehen: Ressourcenknappheiten bei der Produktion von elektronischen Konsumgütern. Auch wenn es sich hierbei nur um einen Ausschnitt des Gesamtproblems handelt, waren wir mit einer hohen Komplexität konfrontiert.“ - Raphael Jung und Jan Sagasser.

Vor dem Hintergrund des Kriegsausbruchs in der Ukraine und angesichts der Tatsache, dass uns die Zeit bereits davonläuft, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens noch zu erreichen, ist die Arbeit der beiden Studenten aktueller denn je. 2020 hat die Europäische Union 30 kritische Rohstoffe identifiziert, die für die Herstellung und Entwicklung der Technik, auf die wir bauen, grundlegend sind. Diese Zahl steigt mit jedem technologischen Fortschritt, und Smartphones bilden da keine Ausnahme. Im Ergebnis ihrer Studie berichtet Raphael:

„Größere Bildschirme erfordern mehr Energie und kritischere Materialien, während die dünneren Handys dazu führen, dass die Komponenten immer weniger trennbar sind, was ein effektives Recycling erschwert.“

Kritische Rohstoffe sind endlich, und wenn sie einmal verbraucht sind – puff –, dann gibt es sie nicht mehr! Wenn wir weiterhin Technik nutzen wollen, müssen wir uns überlegen, wie wir damit umgehen und wie wir sie in Zukunft herstellen wollen. Wie die Studenten betonen, brauchen wir ein Umdenken bei der Materialauswahl, verantwortungsbewusstes Recycling, wir müssen lernen, wie man kaputte Teile repariert und ersetzt, und letztlich müssen wir sogar unsere Vorstellung davon ändern, was eigentlich „cool“ ist: Schwarz ist vielleicht deine Lieblingsfarbe, aber wenn Schwarz schädlich für die Umwelt ist, würdest du dann auch Grau nehmen? 

Jan und Raphaels vollständige Bachelorarbeit finden Sie hier.

 

Raphael Jung

Raphael Jung, 2022

Geboren 2000, studierte Produktdesign an der Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd und hat ein nachhaltigkeitsorientiertes Zusatzstudium an der Technischen Universität Delft abgeschlossen. Sein besonderes Interesse gilt der Arbeit an nachhaltigkeitsrelevanten Herausforderungen, sein Designansatz ist forschungsbasiert mit Fokus auf Produktdesign.

 

Jan Sagasser

Jan Sagasser, 2022

Jan ist ein Industrial Designer aus Deutschland. Er studierte an der Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd und an der Königlichen Akademie der Bildenden Künste in Den Haag. Seine forschungsbasierte Designarbeit zielt darauf ab, Konsum zu überdenken und Produkte des täglichen Lebens bewusster und respektvoller zu nutzen.

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